Arrivederci! – Finde die Ruhe

„Erdkunde LK unter der Leitung von T.G.!“ Ich streiche mir mein Kleid glatt und ziehe es noch kurz einmal länger, damit mir auf der Bühne auch nicht jeder unter den Rock gucken kann. Der Junge vor mir setzt sich in Bewegung, hastig eile ich hinterher, so gut es in 14cm Schuhen eben geht. Dann betreten wir die Bühne, Scheinwerfer strahlen uns an. Mein Leistungskurslehrer, den ich in den letzten Jahren mehr als fünf Stunden die Woche gesehen habe drückt mir eine gelb, rote Rose in die Hand. „Das Abitur erhält …“ Mein Name wird genannt, ich zittere und mein Kopf ist leer, ich schaue in den Saal, sehe hunderte Menschen und in den ersten Reihen meine Mitschüler mit denen ich teilweise seit mehr als 8 Jahren meine Wochentage verbringe, mit denen ich gespickt, gelacht und selten einmal auch gestritten habe. Man drückt mir eine blaue Mappe in die Hand, ich spüre Blitzlicht und höre Glückwünsche. Dann ist es vorbei, der Nächste ist dran. 

Das war es. Nichtmal fünf Minuten hat der ganze Prozess gedauert. 12 Jahre habe ich auf diesen Moment hingearbeitet, morgens um sechs Uhr die letzten Hausaufgaben erledigt, vor der Klausur Panikattacken durchlebt bis ich das Gefühl hatte mein Kopf ist leer und ab und an auch mal weinend die Hände vor dem Gesicht zusammengeschlagen und mir gedacht „Ich kann das nicht!“. Nur um im Nachhinein diese fünf Minuten wie in Trance zu durchleben und sagen zu können, dass der ganze Stress umsonst war. An alle die noch kein Abitur haben, sondern es in den nächsten Jahren planen zu erwerben: Entspannt euch. Es ist nicht so schlimm wie alle denken, in Wirklichkeit ist es sogar ganz locker, wenn ihr ruhig an die Sache ran geht.

Meine Schule ist eine der wenigen, die die Zeugnisvergabe und den Abiturball an zwei verschiedenen Tagen halten. Gestern habe ich mein Zeugnis bekommen, direkt nach dem Gottesdienst. Heute Abend ist der Abiturball. Mein Kleid hängt einen Meter von mir entfernt und wartet nur darauf getragen zu werden, der Friseurtermin steht, meine Füße schmerzen nur noch leicht und werden wohl keine Zeit haben sich richtig zu erholen.

Als ich gestern Abend nach Hause kam haben meine Eltern mich noch einmal umarmt und gesagt wie stolz und glücklich sie sind, zudem auch noch erleichtert. Und was habe ich gefühlt? Nichts. Stundenlang saß ich einfach nur da und war mir unschlüssig was ich fühle, Positives und negatives? Im Endeffekt beides. Meine Gefühle sind ein absolutes Gemisch. Ich bin glücklich. Abitur, endlich. Darauf arbeite ich seit ewigen Zeiten hin. Ich habe Angst. Was kommt auf mich zu, was wird passieren? Ich bin traurig. Diese Menschen und dieser Ort waren ein fester Bestandteil meines Lebens, Spaß, Freude, Hass gegen Lehrer, Abschreiben und Intrigen haben uns zusammengeschweißt, uns unvergessliche Jahre bereitet. Besonders die letzten zwei, drei Jahre waren unvergesslich. Wir haben zusammen gelacht, gefeiert, Unsinn gemacht, sind um 5 Uhr morgens an der Schule gewesen um diese mit Sperrband abzuriegeln und Heuballen zu verteilen. Oft war es unsagbar kalt, wir haben unsere Füße notdürftig in der Mensa aufgewärmt, wenn wir sie nicht mehr gespürt haben, doch trotzdem war uns das egal. Wir waren jung, frei und haben uns wie die Größten gefühlt. Denn das waren wir, mit Ausnahme der Lehrer, an der Schule. Die Kleinen haben zu uns heraufgesehen und alle anderen Jahrgänge beneiden uns darum, dass wir durch sind.

Doch ich muss sagen, dass die Phase vor den Klausuren, die letzten zwei, drei Monate in der Schule die eigentlich beste Zeit waren. Nicht die Monate danach, wo niemand weiß, was er mit sich momentan, aber auch in der Zukunft anfangen möchte und unser Alltag aus Serien, Essen und Schlafen bestand. Anfangs war das echt toll. Aber jetzt, nach 3 Monaten kann ich im Namen der meisten reden: Es ist langweilig, todlangweilig.

Aber ich habe mir heute endlich mal einen Riegel vorgeschoben. Hör auf zu trauern! Die schöne Zeit geht vorbei, aber eine genauso tolle oder sogar vielleicht bessere wird folgen. Weil jetzt kannst du entscheiden was passiert, du bist der alleinige Herrscher in deinem Leben und dir stehen so wahnsinnig viele Türen offen.

Entspannt lehne ich mich in mein Kissen zurück, lasse den Blick durch mein Zimmer schweifen, auf die von den Füßen gestreiften 14-cm-Tötungsschuhe, auf die schon leicht verwelkende Rose und mein Abiturzeugnis. Und lächele. Zum ersten Mal seit längerer Zeit bin ich wirklich stolz auf mich. Und zufrieden. Das erste große Kapitel meines Lebens ist beendet. Das nächste folgt bestimmt. Aber erst einmal lasse ich den Ernst des Lebens hinter mir und beginne damit das zu tun, was ich mir wahrscheinlich nur in dieser Zeit meines Lebens leisten kann. Frei sein, reisen, alleine die Welt erkundigen. Im Jule geht es zurück nach New York für den gesamten Monat, im September dann endlich nach Australien und Südostasien, für wie lange und wohin genau weiß niemand, auch ich nicht. Natürlich bin ich voller Angst, doch meine Vorfreude überwiegt. Denn das ist meine Chance, mein Leben. Und ich habe mir geschworen das Beste daraus zu machen und sooft es geht die Selbstzweifel, Angst und Ungewissheit ganz weit im Hinterkopf zu verstauen.

Vielleicht geht es schief, vielleicht werde ich erfolgreich. Ihr werdet es ja mitbekommen. Ich weiß nicht was kommt, aber seit langem habe ich nicht nur Angst und Druck etwas aus meinem Leben zu machen. Tiefe Entspannung herrscht in mir und ich fühle mich besser den je. Ein Tipp an alle: Druck, Angst etc. erleichtert keine Situation, sondern erschwert sie nur. Glaubt mir ich weiß, wovon ich rede..

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